Prolog - Der Wartebereich
Luc weiß nicht, wann er angekommen ist.
Er sitzt auf einem Stuhl, der weder bequem noch unbequem ist, in einem Raum, der keine erkennbaren Wände hat. Das Licht kommt von überall und nirgendwo. Es gibt keine Schatten. Vor ihm steht ein Aufsteller. Darauf, in serifenloser Schrift:
Purpose Intake – Bitte nehmen Sie Platz
Er hat längst Platz genommen. Niemand ruft ihn auf.
In seiner Hand: eine Tasse Tee. Er erinnert sich nicht, sie geholt zu haben. Der Tee ist lau. Vermutlich schon lange. Luc trinkt trotzdem. Es gibt nichts anderes zu tun.
Hinter ihm – oder ist es neben ihm? Die Akustik des Raumes macht Entfernungen bedeutungslos – steht ein Mann. Er bewegt sich. Nervös. Das Handy in seiner Hand leuchtet in regelmäßigen Abständen auf.
Der Mann spricht. Nicht zu Luc. Zu niemandem. Oder zu jedem.
„Siri“, sagt er, „wie definiere ich Wirkung mit Tiefgang?“
Luc antwortet nicht sofort. Er weiß, dass in Räumen wie diesem jede Antwort eine Einladung ist. Und Einladungen führen zu Gesprächen. Gespräche führen zu Missverständnissen. Missverständnisse führen zu Meetings.
Aber dann, fast gegen seinen Willen, hört er sich sagen:
„Indem du nichts erwartest.“
Der Mann dreht sich um. Sein Gesicht ist freundlich, gespannt, verwirrt.
„Was?“
Bevor Luc antworten kann, setzt eine Stimme ein. Sie kommt nicht aus einem Lautsprecher – es gibt keine Lautsprecher – sondern aus dem Raum selbst. Neutral. Freundlich. Unmenschlich.
„Bitte vermeiden Sie Fragen an andere Wartende. Die Selbstwirksamkeit ist individuell.“
Der Mann nickt. Er nickt der Stimme zu, als könne sie ihn sehen. Vielleicht kann sie das auch.
„Ich habe mich vorbereitet“, sagt er, wieder zu niemandem. „Drei Retreats. Zwei Coaching-Zertifikate.“ Er macht eine Pause, als müsse er sich an etwas erinnern.
„Und ein Baum. Ich habe einen Baum umarmt.“
Luc trinkt von seinem Tee. Lau. Bitter.
„Er hat’s überlebt?“
Der Mann ignoriert ihn. Oder hat er ihn nicht gehört? In diesem Raum ist beides möglich.
„Ich bin bereit“, sagt der Mann jetzt lauter, als wolle er es jemandem beweisen. „Ich bin Purpose-ready.“ Eine Pause. Dann, mit einem Hauch von Ungeduld: „Wann werde ich aufgerufen?“
Die Stimme antwortet sofort, als habe sie nur darauf gewartet:
„Sobald Sie aufhören, es zu wollen.“
Der Mann schweigt. Zum ersten Mal, seit Luc hier sitzt – wie lange sitzt er schon hier? – ist der Raum still.
Dann rollt etwas herein.
Ein Automat. Glänzend. Chromfarben. Mit einem Display, das in sanften Farben pulsiert. Darauf, in großen Lettern:
Impulse to go™ – Jetzt auch mit KI!
Darunter drei Knöpfe:
- Wertschätzung
- Vertrauen
- Innovation
Der Mann starrt den Automaten an. Dann, wie von einer inneren Dringlichkeit getrieben, drückt er alle drei Knöpfe. Gleichzeitig.
Der Automat beginnt zu summen. Dann zu pfeifen. Dann steigt Rauch auf.
Luc beobachtet das Geschehen mit der Gelassenheit eines Menschen, der schon zu viel gesehen hat.
„Willkommen im Wartebereich“, sagt er leise, mehr zu sich selbst als zu dem Mann.
„Hier warten wir nicht auf Godot. Wir warten auf Klarheit.“
Er trinkt den letzten Schluck seines Tees.
„Die kommt nie.“
Die Stimme setzt wieder ein. Unbeeindruckt vom Rauch, von der Stille, von allem.
„Sie sind gleich dran. Noch 999 Positionen vor Ihnen.“
Der Mann setzt sich. Langsam. Erschöpft. Als hätte er gerade eine große Entscheidung getroffen.
Luc sitzt weiter. Er hat nie aufgehört zu sitzen.
Der Raum summt weiter.
Niemand wird aufgerufen.