Kapitel 3 - Der Abstieg
Luc öffnet eine Tür, die niemand öffnet.
Notausgang. Treppenhaus. Beton. Die Stufen sind grau, abgenutzt, ehrlich. Kein Plakat. Keine Motivationssprüche. Nur Zahlen an den Wänden: 18. 17. 16.
Er beginnt zu gehen.
Nicht hastig. Nicht langsam. Im Rhythmus seines Atems. Links. Rechts. Abwärts.
Das Treppenhaus riecht nach nichts. Nach Staub vielleicht. Nach Pause. Nach einem Ort, an dem man nicht performt.
Seine Hand streift das Geländer. Kalt. Metallisch. Echt.
Er zählt nicht die Stufen. Aber er spürt jede.
Irgendwo über ihm: ein Ping. Der Aufzug. Jemand fährt hoch. Schnell. Effizient. Optimiert.
Luc geht weiter.
Sein Atem wird tiefer. Nicht schwer. Nur präsent. Wie jemand, der endlich allein ist.
Ein Gedanke schleicht sich ein:
„Vielleicht ist das der einzige Ort, an dem ich nicht beobachtet werde.“
Er lächelt nicht. Aber er nickt.
Erdgeschoss.
Die Tür knarrt, als er sie öffnet. Draußen: Licht. Luft. Freiheit.
Für zwei Minuten.
Hinter dem Gebäude. Ein kleiner Platz, den keiner nutzt. Zwei Bänke. Eine Mülltonne. Ein verwelkter Baum.
Luc stellt seinen Thermobecher ab. Zieht eine Tasche aus der Jackentasche. Tabak. Papers. Ein kleiner Filter.
Seine Hände arbeiten. Routiniert. Ruhig. Drehen. Lecken. Fertig.
Er zündet an.
Der erste Zug. Tief. Langsam. Er schließt die Augen.
Der leise Herzschlag. Ich will nicht mehr nur funktionieren.
Er öffnet sie wieder. Sein Handy vibriert. Kein Smartphone. Ein altes Nokia. Display: klein, blass, überlebt.
Er tippt. SMS. An: Malte, Hamburg.
„4-4-2 oder falsche Neun?“
Drei Sekunden. Antwort:
„Beide tot. Genau wie deine Hoffnung auf den Klassenerhalt.“
Luc lächelt. Zum ersten Mal heute.
Er tippt zurück:
„Wenigstens haben wir keine Taktiktafel mit Purpose-Logo.“
Malte:
“😂”
Luc steckt das Handy weg.
Er raucht zu Ende. Tritt die Kippe aus. Wirft sie in die Tonne.
Dann greift er in die andere Tasche. Fisherman’s Friends.
Er wirft sich zwei in den Mund. Kaut. Wartet. Das Menthol brennt.
Er nimmt den Thermobecher. Atmet noch einmal tief durch. Dann geht er.
Die Eingangshalle. Glas. Marmor. Ein Wasserspender, den niemand nutzt.
Vor ihm: die Aufzüge. Drei Stück. Alle leer.
Er drückt den Knopf. Ping. Die mittlere Tür öffnet sich.
Luc tritt ein. Dreht sich um. Drückt: 7.
Die Türen beginnen sich zu schließen.
Dann: eine Hand.
Die Türen stoppen. Öffnen sich wieder.
Dr. Olaf Zani tritt ein.
Hemd. Struktur. Teuer, aber wirkt wie Leinen. In der Hand: ein Smartphone. Am Hals: ein Anhänger. Holz. Darauf: Mut.
Er lächelt. Nicht breit. Nicht falsch. Professionell freundlich.
„Morgen!“, sagt er.
Luc nickt.
Zani drückt: 7.
„Ah, gleiche Richtung“, sagt Zani.
Luc sagt nichts.
Die Türen schließen sich.
Stille. Fünf Sekunden.
Zani schaut auf sein Handy. Scrollt. Liked etwas.
Luc starrt geradeaus.
Zani spricht ohne aufzuschauen.
„Warst du schon länger da? Ich war gerade… kurz raus. Frische Luft tanken.“
Luc, leise:
„Ja.“
Zani nickt.
„Wichtig, oder? Manchmal muss man sich kurz erden, bevor der Tag richtig losgeht.“
Luc trinkt einen Schluck Tee.
Zani lächelt.
„Ich war drei Monate weg. Digital Detox. Wald. Stille. Man lernt viel über sich.“
Luc schaut weiter geradeaus:
„Mhm.“
Zani:
„Und jetzt bin ich zurück. Mit neuer Energie. Neuer Klarheit.“
Pause.
Luc - fast unhörbar.
„Schön.“
Der Aufzug hält. Etage 7. Ping. Die Türen öffnen sich. Zani tritt hinaus. Dreht sich um.
„Viel Erfolg heute!“
Luc nickt. Zani geht. Luc bleibt stehen. Die Türen schließen sich. Er atmet aus. Dann, leise, zu sich selbst:
„Wald. Stille. Neue Energie.“
Er trinkt den letzten Schluck Tee.
„Und trotzdem der gleiche Scheiß.“
Die Türen öffnen sich wieder.
Etage 7.
Luc tritt hinaus.
Der Tag hat begonnen.