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Kapitel 2 - Luc kommt an

Ein Flur. Kein Geräusch. Die Uhr an der Wand zeigt 06:11. Niemand ist da. Noch nicht. Vielleicht war auch nie jemand da.

Die automatische Tür am Eingang surrt. Langsam. Müde. Als hätte selbst sie den Enthusiasmus verloren.

Luc tritt ein.

Kein Badge. Die Tür kennt ihn. Wie ein Hund, der resigniert den Kopf hebt, wenn sein Halter spät nach Hause kommt.

Seine Jacke ist zu dünn für den September. Seine Schuhe sind zu alt für Diskussionen. Er trägt einen Stoffbeutel mit einem Buch, das er seit zwei Monaten nicht aufgeschlagen hat.

In der rechten Hand: Ein kleiner Thermobecher. Schwarz. Unbeschriftet. Er dampft leise.

Luc geht. Nicht zielstrebig. Nicht zögerlich. Einfach: gehend. Wie jemand, der die Wege kennt, aber sie nicht mehr benennt.

Sein Büro liegt am Ende eines Ganges, der “Open Innovation Wing” heißt. Kein Mensch nennt ihn so. Nicht mal das Türschild.

Er kommt an. Kein Schlüssel. Keine Karte. Kein Gesichtserkennungsding. Die Tür ist nur angelehnt. So wie er.

Innenraum.

Dunkelgrauer Teppich. Zwei Pflanzen. Eine tot. Eine kämpft.

Ein Bildschirm. Noch schwarz. Ein Lichtstreifen der aufgehenden Sonne bricht sich in einem Monitorständer aus Bambus.

Luc setzt sich. Nicht, um zu beginnen. Nur, um da zu sein.

Er stellt den Becher ab. Atmet. Dann zieht er eine kleine Kiste aus der untersten Schublade.

Darin:

  • Drei Teebeutel (schwarz, verbeult, ohne Etikett)
  • Ein Löffel aus Holz
  • Ein zerknickter Zettel mit handschriftlichen Notizen
  • Eine alte Fotografie: vier Menschen auf einem Betriebsausflug. Einer lacht. Luc nicht.

Er faltet den Zettel auseinander. Nur ein Wort steht darauf:

“Bleiben.”

Er legt ihn daneben.

Dann trinkt er.

Tee. Lauwarm. Still.

Er blickt auf den schwarzen Bildschirm. Tut nichts. Erwartet nichts. Weiß trotzdem: gleich wird es losgehen.

Aber noch nicht jetzt. Jetzt ist: Vor dem Knall.

Ein erstes Geräusch.

Die Kaffeemaschine draußen im Flur. Sie röchelt, wie jeden Morgen. Sie ist das erste Zeichen von Bewegung. Die Menschen kommen. Mit Fragen. Mit Slides. Mit Hashtags.

Luc bleibt sitzen.

Sein Bildschirm bleibt schwarz.

Sein Blick: ruhig. Nicht leer. Nur wach. Wie jemand, der alles gesehen hat, aber noch wartet, ob sich diesmal etwas ändert.

Aus der Ferne ein Ping. Teams. Früh. Luc ignoriert es. Er hat keine Benachrichtigungen mehr. Nur eine Erinnerung:

„Achte auf den Raum zwischen den Worten. “

Niemand weiß, wer sie ihm geschickt hat. Vielleicht er selbst.

Er trinkt aus. Der Becher macht kein Geräusch.